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Evolution der Pinguine

Lbr

Einzeller
#1
Hallo liebe Biologie Lexikon Community,

vorhin bin ich in den Genuss einer David Attenborough Doku gekommen und dort bin ich auf eine, meiner Meinung nach, sehr verwirrende Szene gestoßen. Und zwar bildeten Pinguine in einem Antarktischen Sturm einen sehr engen Kreis um ihre Jungen zu schützen. Als der eisige Sturm vorüber war, öffnete sich der Kreis und einige der Küken waren verstorben (erfroren). Die Mütter der Überlebenden hatten daraufhin mit einem anderen Problem zu kämpfen: Fremde, kinderlose Pinguine versuchten die Küken zu stehlen.

Da hat sich mir die Frage gestellt: Wieso sollten die das machen? Da sich normalerweise die Gene durchsetzen deren Träger die meisten fortpflanzungsfähigen Nachkommen zeugt, macht es wenig Sinn genetisch "fremde" Junge groß zu ziehen, oder nicht? Genaugenommen würde ich erwarten, dass es sogar die Mütter daran hindert eigene, zukünftige Kinder durch zu bringen.

Hat jemand eine plausible Erklärung auf Lager?
 
#2
Naja, wenn die eigenen Nachkommen nicht überlebensfähig sind, macht es im größeren Kontext der Arterhaltung durchaus Sinn sich um die überlebenden Jungen der Anderen zu kümmern. Dann geht es halt nicht mehr um die ganz eigenen Gene, die weiter gegeben werden, sondern allgemein, um die besten Gene der Art insgesamt, die es zu erhalten gilt.
Also, wenn schon kein eigener Nachwuchs, dann wenigstens ein Beitrag zur Arterhaltung insgesamt, indem ein fremdes Junges aufgezogen wird. Adoption oder Raub von fremden Jungen gibt es ja auch bei vielen anderen Tieren. Ich habe einige Jahre in einem Zoo gearbeitet und mal mitbekommen, wie die Tierpfleger ein trächtiges Gorillaweibchen einige Wochen vor der Geburt von der Gruppe getrennt haben. Auf meine Nachfrage was das zu bedeuten hätte, meinte ein Pfleger, dass das Weibchen so tief in der Rangordnung steht, wenn sie ihr Junges in der Gruppe bekommen würde, würde das ranghöchste Weibchen es ihr weg nehmen und selbst versuchen es aufzuziehen. Sie meinten zwar, dass das durchaus gut gehen könnte, da die Ranghohe ihr letztes Junges noch nicht lange abgestillt hatte und somit durchaus in der Lage gewesen wäre das fremde Baby zu ernähren, hatten aber letztendliche Bedenken, dass das Neugeborene bei so einem Raub, zu Tode kommen könnte.
 

willi2000

Säugetier: Marsupialia
#3
Die Theorie mit den egoistischen Genen ist aus den 80igern und wurde von Dawkins propagiert (typischer Reduktionismus). Sie ist längst überholt, die Natur des Verhaltens ist viel komplexer und auch mitnichten immer zweckmäßig (und vernünftig schon garnicht).

Gruss
 

Michael

Komplexer Mehrzeller
#4
Auch wenn die Diskussion schon etwas länger her ist (habe sie jetzt erst gesehen):

1. Die Theorie des selfish gene (egoistisches Gen) ist keineswegs überholt. Anders lässt sich z.B. auch nicht die kin-selection (Verwandten-Selektion), oder die Hilfe beim aufziehen jüngerer Geschwister bei vielen Arten erklären. Ich weiß, dass Dawkins bei vielen nicht beliebt ist, aber seine Thesen sind bis heute ein wichtiger Teil der Evolutionsbiologie und werden, wenn auch manchmal abgewandelt, von Fachkreisen selten bestritten.

2. Sorry Kampfmuzel, aber das Arterhaltungs-Argument ist überholt und ein Arterhaltungstrieb existiert nicht. Hierbei handelt es sich um ein Gruppenselektions-Modell, was nach der allgemein anerkannten Theorie der evolutionär stabilen Systeme (ESS) nicht funktionieren kann. Eine kleine Mutation würde ausreichen und das ganze System würde zusammen brechen. Diese Mutation könnte so aussehen, dass ein Tier auf die "Idee kommen" könnte (also durch die Mutation so programmiert ist), dass es ja viel vorteilhafter für es wäre, wenn sich die anderen um den Nachwuchs kümmern (energiesparend) und es selbst sofort wieder neuen Nachwuchs zeugen könnte. Diese Mutation wäre so vorteilhaft, dass sie sich schnell verbreiten würde, bis es zu wenige Nicht-Mutations-Träger gibt, die sich um den Nachwuchs kümmern könnten...

Dieses Problem besteht bei allen gruppenselektionistischen Konzepten (Einwanderung bzw. Entstehen einer Mutante reicht um das System zu stören), weshalb es zum überwältigenden Teil der Fachwelt abgelehnt wird.

Das einzige Konzept einer Gruppenselektion was man durchgehen lassen könnte, ist die oben erwähnte Verwandtenselektion, die sich aber wiederum über die Genetik, Verwandtschaftsgrad und eben durch das selfish gene erklärt.

Gruß
Michael