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Freier Wille

Reaper

Einzeller
#1
Guten Tag :D
Also ich hatte mal eine Frage, und ich bin mir nicht sicher, ob sie jemals gestellt wurde oder ob sie einfach nur bescheuert ist aber ich wollte sie dennoch mal gestellt haben :D
In der Schule bekommt man von seinem Biologielehrer ja immer beigebracht, dass alle Reaktionen in einem Organismus rein zufällig geschehen (naja halt nach den physikalischen Kräften/Gesetzen usw.). Schön und gut :D macht ja auch sinn, dass so ein Molekül nicht gerade einen eigenen Willen hat. Jedoch wenn auf kleinster Basis und sei es nur die Spaltung von Glukose alles aus ,,Zufall" geschieht. So schlussfolgert sich doch daraus, dass es auf höheren Ebenen, beispielsweise den Organen, genauso ist. Wenn man dies weiterverfolgt, dann sind auch alle Reaktionen in unserem Gehirn rein zufällig. Woher kommt dann also unser Wille? Wo entsteht er oder ist er doch nur eine Illusion die uns glauben lässt, wir hätten ihn?
 

Segler

Säugetier: Eutheria
#2
Hallo Reaper,

der freie Wille dürfte wohl eine Fiktion sein. Was ist es denn als beschreibbare und empirisch untersuchbare Entität, was da frei sein soll? Was ist in diesem Zusammenhang überhaupt "Freiheit"? Alle makro- und mesokosmischen Ereignisse sind determiniert, auch wenn wir die Kausalketten aus praktischen oder prinzipiellen Gründen vielfach nicht nachvollziehen können. Biochemie und Physik (elektrische Reizleitung) unseres Gehirns spielen sich letztlich im Mesokosmos ab. Sind auf mikrokosmischer Ebene Quanteneffekte "frei", nur weil sie sich kausaler Beschreibung entziehen? Ist das einzelne radioaktive Atom in Schrödingers bekanntem Gedankenexperiment (Schrödingers Katze) "frei", seinen Zerfallszeitpunkt zu bestimmen? Kann es in der Frage seiner Fortexistenz mit "unentschieden" stimmen, solange keiner die Kiste öffnet und die makroskopische Wirkung (Zustand der Katze) nachguckt?

Die Hirnforscher Wolf Singer und Gerhard Roth haben viel Interessantes zu dem Thema (scheinbare) Willensfreiheit geschrieben, lesenswert. Literaturhinweise z.B. in den Wikipediaartikeln über die beiden.

Ich sage es mal so: Wir haben Handlungsfreiheit, wir können tun und lassen was wir wollen und empfinden das (m.E. fälschlicherweise) als Willensfreiheit. Die Frage, ob wir denn "wollen können was wir wollen", bleibt davon nämlich unberührt.

Letztlich schreibe ich deswegen auch meinen Mitmenschen "Willensfreiheit" zu. Weil die nämlich bei aller Gemeinsamkeit ein wenig anders ticken als ich. Weil ich, um sie zu Handlungen in meinem Sinne zu bewegen, mehr oder minder viel Überzeugungsarbeit aufwenden muss - die erfolgreich sein kann, oder eben nicht. Nur sind sie deswegen "frei", wenn meine Argumente nicht verfangen?

Im Grunde ist das eine spannende philosophische Frage. Antworten (sehr spannende übrigens) versuchen sowohl der Konstruktivismus als auch die für Biologen recht interessante Evolutionäre Erkenntnistheorie (Vertreter z.B. Gerhard Vollmer; Was können wir wissen?, 2. Bde, Hirzel, Stuttgart)

Aber zurück zum Konstruktivismus. Da gibt es ein sehr schönes Sammelbändchen "Einführung in den Konstruktivismus" (Beiträge von Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld, Paul Watzlawick et al.) das diese Frage sehr methodisch und gleichzeitig unterhaltsam angeht. Von Foerster bringt dort einen netten mathematisch-informationstheoretischen Exkurs in die Welt der nichttrivialen Maschinen, speziell der endlichen Zustandsautomaten (finite state machines)

Kurz: Triviale Maschinen sind synthetisch (konstruktiv) determiniert und erscheinen auch so. Stimulus -> Reaktion. Ihr Verhalten - auch als beliebig komplexe Black Box - ist durch endlich viele Versuche bestimmbar (analytisch determinierbar ).

Bei nichttrivialen Maschinen gilt Reaktion = f(Stimuli, internen Status, Vorgeschichte). Obwohl nichttriviale Maschinen ebenfalls synthetisch determiniert sind - wer analog zum Laplace'schen Dämon den inneren Aufbau, die inintialen Status und die Vorgeschichte kennt, kann jede künftige Reaktion der Maschine vorhersagen - ist sie ab einer bestimmten Komplexitätsgrenze (wurde von Arthur Gill mathematisch gezeigt) analytisch nicht determinierbar. Ein Experimentator wird feststellen, dass die Maschine auf gleiche Stimuli unterschiedlich reagieren kann, dass sie lernfähig (trainierbar) ist, aber er wird selbst durch unendlich viele Versuche ihr künftiges Verhalten nicht vollständig vorhersagbar beschreiben können, er kann kein deterministisches Modell entwickeln.

Die Maschine erscheint - obwohl synthetisch determiniert - in der Außenansicht willensfrei, so wie uns unsere Mitmenschen erscheinen und letztlich auch unser eigenes ich, das letztlich nur die "Innenansicht" hinreichend komplexer materiell-energetischer Zustände ist. Die (phylogenetischen und ontogenetischen) Initialstatus oder die "Verdrahtung" unseres ich kennen wir nicht, selbst die durch Umweltreize erworbene prägende Lernerfahrung nur bedingt.

Ich schließe meinen Exkurs mit der Frage, ob empfundene Willensfreiheit nicht ganz einfach die prinzipielle Grenze unserer Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis beschreibt.
 
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